PRESSEBERICHTE


6000 JAHRE - DAS UNSICHTBARE ERBE                                                      KRONE, 7. Juni 2020

 

Lange bevor in Ägypten die Pyramiden errichtet wurden, entstanden an den Ufern unserer Seen die ersten Pfahlbauten. Ihre Überreste sind heute versunken. Dennoch wissen wir viel über das Leben dieser Steinzeitmenschen -dank ihres weggeworfenen Mülls.

Es war die Zeit von Öt­zi. „Kann durchaus sein, dass einer seiner Zeitgenossen am Mondsee vor­beigekommen ist", meint Jo­hannes Pfeffer, Obmann des Pfahlbau-Museums in Mond­see. Denn die Menschen der späten Jungsteinzeit waren durchaus nicht nur Jäger und Sammler, sie trieben auch schon eifrig Handel. So war wohl Salz bereits damals be­gehrt. Pfeffer: „Dafür hat man etwa Steine eingetauscht, die es bei uns nicht gibt. Wie Feuer­stein, der in den Bergen nörd­lich von Verona vorkommt."

 

Genau solche Feuerstein-­Klingen entdeckten die Unter­wasser-Archäologen bei den Pfahlbauten im Mond- und At­tersee. An beiden Seen entstan­den ab dem 4. Jahrtausend vor Christus etliche Pfahlbausied­lungen. Die große Zahl an Fun­den, darunter aufwendig ver­zierte Tonkrüge, gab einer gan­zen Epoche ihren Namen, der Mondsee-Kultur. Die typi­schen Verzierungen der Becher und Krüge lassen sich bis nach Bayern, in Tschechien und in der Steiermark nachweisen. Diese weit verzweigten Be­ziehungen würdigt die UNESCO mit dem „Welterbe Prähistorische Pfahlbauten": Es erstreckt sich über sechs Länder rund um die Alpen. Von den insgesamt 111 Fund­stätten liegen fünf Siedlungen in Österreich: drei am Attersee und je eine am Mondsee und am Keutschacher See.

 

„Das ist nur ein kleiner Teil der gefundenen Pfahlbau­dörfer in Österreich, aber ein repräsentativer", erklärt Cyril Dworsky, Geschäftsführer des österreichischen Management das Pfahlbau-Welterbes. Im Museum sind viele Kostbar­keiten, die bei Tauch-Grabun­gen im Mond- und Attersee entdeckt wurden, ausgestellt. Pfeffer: „Wissenschafter aus der ganzen Welt kommen nach Mondsee. Denn bei uns sieht man die Originale."

 

Originale, die Staunen las­sen. Neben den Tongefäßen, manche in Scherben, viele auch nach Tausenden von Jahren noch gut erhalten, finden sich Flechtwerk und Reste von Klei­dungsstücken, Mahlsteine, Äx­te und Beile, Speerspitzen und scharfe Messer aus Stein, Tier­knochen, Getreidekörner und Nüsse, 6000 Jahre alte Äpfel und Birnen und der „Mondeer Knödel" - ein schwarzes Et­was, das die Forscher als eine Semmel identifiziert haben.

 

Am Attersee gibt in Seewal­chen der „Welterbe-Pavillion" Einblick in das tägliche Leben der Steinzeitmenschen und in einem „Pfahlbau-Garten" wachsen Pflanzen, die damals für die Ernährung, als Medizin und zum Färben der Kleidung verwendet wurden. „Wir bieten  ,Spaziergänge in die Steinzeit` an, bei denen Werkzeuge ge­bastelt werden, und haben auch Einbäume nachgebaut", erklärt Alfons Egger, Obmann des Vereins Pfahlbau am Attersee.

 

Einzelne Fundstücke sind auch im Museum „Atarhof ` in At­tersee zu sehen. Dort wartet auch ein naturgetreuer „Atti" - Ötzis Kollege vom Attersee - auf die Besucher. „Die Funde sind eigentlich Abfälle, die aus den Pfahlbau­ten entsorgt wurden", erläutert Pfeffer. „Kaputte Steinwerk­zeuge hat man einfach wegge­worfen. Im Lauf der Zeit wur­den sie dann am Seegrund durch Ablagerungen zugedeckt und so konserviert." Zur Freude der Forscher, die dadurch etwa herausfanden, wovon sich die Steinzeitmen­schen ernährten: wenig Fleisch, viele Früchte und Nüsse, als Getreide waren Hartweizen, Emmer und Einkorn bekannt, das als Brei verzehrt, mit dem aber auch Bier gebraut wurde. Das Leben am See hatte durchaus Vorteile. „Frisches Wasser und genug Fische zum Essen", sagt Pfeffer. Außerdem hätten sich die Pfähle im mo­rastigen Boden am Seeufer leicht einsetzen lassen: „Man braucht die Pfähle nur zu rüt­teln, dann gehen sie ganz leicht hinein. Wenn man aufhört zu rütteln, sitzen sie bombenfest."

 

Auf diesem Fundament wur­den dann die Hütten aufge­stellt: „Die Wände waren aus Flechtwerk, das mit Lehm ver­schmiert wurde. Gedeckt wur­de mit Seegras oder Rinde." Mit der Vorstellung, dass die Siedlungen mitten im Wasser standen, hat die Forschung auf­geräumt. „Gebaut wurde in der Uferzone. Doch der Wasser­stand ist gestiegen, am Mond­see etwa um dreieinhalb Meter. Deshalb liegen die Fundstellen jetzt im See und so ist dieser Irrtum entstanden", so Pfeffer. Warum das Wasser gestie­gen ist? „Klimaerwärmung", ist Pfeffer überzeugt. Der Theorie vom „Mondsee-Tsunami", ein Bergrutsch, der die Seeache verlegte, könnte einen Tsunami ausgelöst haben, kann er wie Dworsky wenig abgewinnen: „Es gibt keine konkreten Indi­zien, dass der Bergrutsch im Zusammenhang mit der Zer­störung der Pfahlbauten steht."

 

Für die Siedlung im Keut­schacher See kann diese Va­riante ohnehin nicht gelten. Sie ist die älteste bisher bekannte Pfahlbausiedlung Österreichs. „Bei einem Holzpfahl war eine genaue Datierung möglich", freut sich Dworsky. „Der Baum wurde 3947 v. Chr. gefällt." Die Ansiedlung gilt auch deshalb als altertümlich, weil fast nur Knochen von Wildtieren gefun­den wurden. Im Gegensatz zu den Fundstätten in Oberöster­reich: „Dort hat man viel mehr Haustier-Knochen entdeckt." Noch eine Besonderheit zeichnet Keutschach aus: Es wurde auf einer richtigen Insel errichtet. Heute liegen die Überreste etwa zwei Meter unter Wasser. Um unkontrollierte Grabun­gen zu verhindern, gibt es zur Lage der meisten Pfahlbaustät­ten keine Hinweise. Die Funde sind im Naturhistorischen Mu­seum Wien, den Museen in Mondsee und Klagenfurt sowie in kleinen Ausstellungen in der Region zu sehen.

 

INFO: www.museum-mondsee.at

www.pfahlbau.at (Attersee)

www.archeofreunde.at


HAUSMODELL                                                                                                                                               TIPS 24.Woche 2020

 

So wird Pfahlbau begreifbar

 

ATTERSEE. Ein idealisiertes didaktisches Hausmodell zur Pfahlbaukultur des Jungneoli­thikums nach einem archäolo­gischen Vorbild ist am Samstag, 4. Juli, um 18 Uhr im Atarhof, Attersee zu sehen. Vorgestellt wird es von Wolfgang Lobisser und Cyril Dworsky.

 

Im Rahmen der Ausstellung „Pfahlbau begreifen" wird ein Pfahlbaumodell dargestellt, wel­ches nach dem Vorbild von Horn­staad am Bodensee im Maßstab 1:8 vom Experimental-Archäo­logen der Universität Wien nach­gebildet wurde. Dieses Modell orientiert sich an dem Archi­tekturmodell des Hausbefundes von Hornstaad im Pfahlbaumus­eum Unteruhldingen. Es ist so gebaut, dass die Konstruktion von Besuchern jeder Altersgrup­pe verändert werden kann. Das Pfahlbaumodell kann in seinen Grundprinzipien so verändert werden, dass einzelne Teile ausge­tauscht werden können, wie bei­spielsweise des Daches mit Dach­schindeln oder Schilf, oder auch

 

Wandfüllungen mit unterschiedli­chen Flechtwerken, um das Pfahl­baumilieu unterschiedlich erleben zu können. Die Variationsmög­lichkeit veranschaulicht dem Be­sucher die Vielfalt der Pfahlbau­weise in den unterschiedlichen Siedlungsgebieten.

 

Das Pfahlbau-Hausmodell ist im Atarhof zu sehen. Foto: Verein Freunde der Archäologie: